Die Szene ist nicht das Motiv – das Motiv ist nicht das fertige Foto

Wie Du vom Motiv zum endgültigen Foto kommst


Wer kennt das nicht: Du stehst beim Spaziergang plötzlich vor einer Szene, die Dir den Atem verschlägt; irgendwas ist hier, das schön, faszinierend, lieblich, beeindruckend oder etwas anderes für Dich ist.

Sofort zückst Du Deine Kamera und fängst diese Szene ein – klick-klack-klick-klack – eine Auslösung nach der anderen…..

Später, zuhause angekommen, schaust Du Dir die mitgebrachten Bilder an und findest vielleicht nichts mehr von dem Gefühl wieder, das Du hattest, als Du in der Szene standest….

Du stellst fest: Die Szene ist nicht das Motiv; das Motiv ist nicht das endgültige Foto.

Wie aber kommst Du nun von der Szene, die Dich so eingenommen hat, zum fertigen Foto, das Dich immer noch begeistert, auch wenn Du es Dir zuhause ansiehst ?

Beschäftigung mit der Szene – die Suche nach dem Motiv

Der erste Schritt zum nachhaltig faszinierenden Foto ist das Eintauchen in die Szene.
Ich selbst laufe oft 1 Stunde oder länger an an dem Ort umher, der diese Faszination auf mich ausübt, von der ich glaube, dass sich darin eines oder mehrere faszinierende Fotos verstecken.

Mache es zu Deiner Aufgabe, diese Motive in der Szene zu finden.

Je mehr Du das übst, desto intuitiver gelingt es Dir mehr und mehr.

Es ist eine Art Meditation, eine tiefe Beschäftigung mit dem, was ich sehe.

Ein Austesten aus verschiedenen Standpunkten, dem Betrachten von Ausschnitten und solchen Fragen wie: „Ist es schwarz-weiß ?“, „Ist es eine helle Szene ?“, „Ist es eine düstere Szene ?“, „Was genau ist es, das die Faszination hier auf mich ausübt ?“ und so weiter.
Diese intensive Beschäftigung mit einer Szene und der Suche nach lohnenden Motiven in der Szene führt dann in der Regel entweder dazu, dass ich viele Fotos schieße, oder nach einiger Zeit entscheide, dass diese Szene zwar faszinierend für mich ist, aber fotografisch darin für mich nichts zu holen ist, und ich weiterziehe, ohne Fotos geschossen zu haben.

Landschaftsfoto Normandie
Es dauerte eine Ewigkeit, bis das Wasser so in die Prile gelaufen war und die Sonne so stand, dass ich endlich das Foto schießen konnte, das ich im Kopf hatte (hier siehst Du das Watt vorm Mont St. Michel in der Normandie).

Das Entscheidende siehst Du auf den 2. Blick – oder auf den 3. oder den 4.

Das Wichtigste und Spannendste findest Du meist erst auf den 2. und 3. Blick. Nimm Dir alle Zeit der Welt dafür, solange danach zu suchen, bis Du es gefunden hast, oder entspannt abbrechen kannst. Nachhaltig faszinierende Landschaftsfotos entstehen selten aus Schnappschüssen.

Einfangen der Motive und das Spiel mit Technik

Gerade bei Landschaftsaufnahmen ist es besonders wichtig, das fertige Bild zu gestalten, zu inszenieren.

Anders als z.B. bei Portraitaufnahmen im Studio hast Du natürlich keinen Visagisten dabei und niemanden, der sich um die Beleuchtung kümmern kann, aber dennoch kannst Du gestalterischen Einfluss auf das Bild nehmen:

  • Kannst Du etwas in den Vordergrund nehmen, das Dein Motiv einrahmt (eine Astgabel z.B.),
  • Lohnt es sich vielleicht, eine Vordergrundunschärfe zu erzeugen, in dem Du aus tiefem Bodenstand über das Herbstlaub fotografierst ?
  • Wie wirkt sich wohl die Verlängerung der Belichtungszeit auf das fließende Wasser oder die sich bewegenden Wolken aus ?
  • Ist vielleicht eine bewusste Unterbelichtung oder Überbelichtung genau das, das die Stimmung erzeugt, in der Du Dich befindest ?

Um diese Fragen zu beantworten gibt es nur eine Möglichkeit: Machen !

Um all diese Optionen auch anwenden zu können ist es aus meiner Sicht unabdingbar, neben Deiner Kamera auch immer ein Stativ und eine Auswahl an Graufiltern zur Lichtreduktion dabei zu haben, um auch sehr lange Belichtungszeiten realisieren zu können – zumindest wenn Du ernsthaft Landschaftsfotografie betreiben willst.

Wenn ich eines gelernt habe, dann das, dass sich nichts so sehr rächt, wie aus Bequemlichkeit Equipment nicht eingepackt zu haben.

Verzichte lieber auf Deine Festbrennweiten zugunsten eines hochwertigen Zooms und packe stattdessen auf jeden Fall ein Stativ und diverse Graufilter ein (ich selbst schieße rund 90% meiner Landschaftsfotos mit dem 16-55 bei APS-C oder dem 24-105er bei Vollformat.

Lass die Finger von JPEGs und dem „Kreativmodus“ Deiner Kamera

Fotografiere Landschaftsfotos unbedingt in RAW – so will es das „Gesetz für gute Fotos“.

Nur im RAW-Format kannst Du all die Bildinfos mitnehmen, die für die spätere Perfektionierung Deines Fotos in der digitalen Dunkelkammer nötig sind.

Es hat auch nichts mit ernsthafter Fotografie zu tun, der eingebauten Dunkelkamera in Deiner Kamera die Verfremdung Deiner Bilder zu überlassen. So entwickelst Du nie einen eigenen Stil.

Dunkelkammerarbeit – erst im Postprozess entsteht das fertige Foto

Nach dem Fotografieren ist „vor dem fertigen Bild“.

Nachdem Du die oben beschriebene Arbeit draußen hinter Dich gebracht, beginnt der letzte Schritt auf Deinem Weg zum fertigen Foto: Die Arbeit in der digitalen Dunkelkammer.

Hier wird Deine Szene endgültig zum fertigen Bild.

Diesem Thema könnte man hunderte Artikel alleine widmen und ich will das auch nicht vertiefen, weil es diese Artikel bereits gibt.

Ein paar Botschaften sind mir aber besonders wichtig, die ich Dir mitgeben möchte:

  1. Ein schwarz-weiß-Foto ist viel mehr, als ein einfach von Farbe in sw umgewandeltes Bild. Um ein faszinierendes schwarz-weiß-Foto zu erzeugen musst Du Dich intensiv mit der RAW-Bearbeitung in der digitalen Dunkelkammer beschäftigen: Die Bearbeitung unterschiedlicher Tonwerte, die Arbeit an Kontrasten, Nachbelichtungen und Abwedelungen sind unabdingbares Grundhandwerk für ernsthafte sw-Fotos.
    Ich selbst entscheide in der Regel schon beim Fotografieren, dass ich ein schwarz-weiß-Foto kreieren möchte.
  2. Einfach nur hochgedrehte Farbregler machen noch kein gutes Farbfoto aus.
  3. Das Bildformat hat entscheidenden Einfluss auf Dein fertiges Foto: Teste das gleiche Bild als Panoramaausschnitt (z.B. 16:9), als 4:5, 5:7, 2:3 und als Quadrat. Du wirst überrascht sein, was das mit Deinem Bild macht.
  4. Übe Dich in den Gesetzen der Bildgestaltung: Führende Linien, Drittel-Regel und der Goldene Schnitt sind wichtige Aspekte für die Wirkung Deines fertigen Fotos.

Zusammenfassung

Von der Szene zum fertigen, ernst zu nehmenden Landschaftsfoto, das sich auch aufzuhängen lohnt, ist es ein weiter Weg. Nur sehr selten gelingt ein hochwertiges Landschaftsfoto als Schnappschuss.
Die Qualität der Kamera ist für das Endergebnis viel weniger entscheidend, als die Beschäftigung mit der Szene, der Suche nach lohnenden Motiven darin und Deiner Entscheidung, die darin enthaltenen Schätze mit allen Mitteln zu bergen.

Und – gerade bei schwarz-weiß-Fotos gilt: Die Arbeit in der digitalen Dunkelkammer macht aus einem sw-Foto erst ein sw-Kunstwerk.

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