Ohne Abstellgleis

Als stünde sie da – geschützt im Schatten – um auf ihren nächsten Fahrplan zu warten.

Behütet von dem dichten Blattwerk rostet die alte Lok dennoch gleichmäßig dahin. Ausrangiert. Abgestellt. Ihre letzte Fahrt ist lange her. Melancholisch, fast traurig wirkt sie. Selbst ihre alte Farbe kann man nicht mehr erkennen.

Der Rost bedeckt sie wie eine Decke. Unaufhaltsam zerstört er, was er zerstören muss. Ihre Türen werden schrecklich laut und jammernd quietschen, wenn man sie öffnen würde.Das Fahrwerk ist sicherlich unbeweglich festgerostet. Das Schicksal besiegelt.

Der Ort unter dem Baum ihre letzte Ruhestätte. Ein eiserner Friedhof.

Am Abend erfreuen sich hier vielleicht junge Füchse oder Kätzchen, die das rostige Ding zu ihrem Abenteuerspielplatz erklären. Geschützt vor fremden Blicken lässt es sich unter der Lok gut toben. Selbst sie Mäuse bemerken nichts. So erfüllt die alte Lok doch noch eine Funktion, ein Schutzraum für alles, was streunt.

Dort, wo sie steht, wächst zunehmend Gras darüber. Gut möglich, dass der Baum und umliegendes Grün sie in ein paar Jahren zugedeckt hat. Einige Äste des Baumes liegen auf ihrem Dach. Vielleicht will er ihr so Trost spenden, nun zum alten Eisen zu gehören?

Eigentlich wäre sie auf einem Spielplatz gut aufgehoben. Dort wäre sie immer mitten im Leben umgeben von lauter bunten Wesen, die sie auch in ihrer Kreativität zu schätzen wissen. Aus ihr könnte ein Schiff werden. Ein Raumschiff. Ein U-Boot. Oder eben was sie ist.Eine alte Lok. Ein Zaubergerät, was die Gestalt wechseln kann. So, wie kleine Menschen das gerade wünschen.

Vielleicht entdeckt gelegentlich jemand mit Kinderaugen das Raumschiff in ihr. Fliegen kann sie ja auch ohne Fahrwerk. Ganz bestimmt.

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