Hüte Dich vor Kalenderweisheiten und anderen Falschaussagen

Du kannst alles schaffen, wenn Du es willst !

Das Jahr ist noch jung, die 2. Woche des neuen Jahres ist gerade mal gestartet und noch immer übertrumpfen sich die einfachen Rezepte, um im neuen Jahr „alles besser zu machen“ und „endlich seine Ziele zu erreichen“ in den Sozialen Medien gegenseitig.

Viele „Coaches“ und „Lebensverbesserungsgurus“ schmeißen mit ihrem in NLP-Tageskursen gelerntem Wissen nur so um sich und vieles davon scheint auf den 1. Blick zu stimmen.

Wie so oft im Leben ist es aber leider so, dass einfache Rezepte für komplexe Fragestellungen nicht funktionieren.

Beispiel: Die 21-Tage-Gewohnheitsveränderungsregel

Aus dem Bereich des „Coach-Nachplapper-Wissens“ begegnet einem sehr oft die Regel, dass man neue Gewohnheiten ganz einfach lernen könne; man müsse „nur“ mindestens 21 Tage lang die neue Gewohnheit ausführen und schon würde sie ein Teil seines Selbst werden und fortan einfach laufen.

Manchmal wird auch von 30 Tagen gesprochen – das Prinzip ist aber dasselbe.

Beide Aussagen sind – Schwachsinn, falsch, nicht wissenschaftsbasiert und wieder mal „zu pauschal“ für komplexe Fragestellungen.

So kam die 21-Tage-Regel in die Welt…

Mitte des 20. Jahrhunderts beobachtete der amerikanische Chirurg Maxwell Maltz, dass seine Patienten etwa 21 Tage benötigten, um sich an die operativ vorgenommenen Veränderungen ihres Körpers zu gewöhnen. Auch bei seinen persönlichen Veränderungen stellte er fest, dass es etwa 3 Wochen dauerte, bis sie sich als neue Gewohnheit in seinem Alltag verankert hatten. Seine auf Beobachtungen im eigenen Umfeld basierende Theorie schrieb er dann im Jahr 1969 auch in seinem Buch «Psycho-Cybernetics» nieder. Eine wissenschaftliche Begründung für seine Annahme fehlte darin allerdings.

Ebenso fehlt bis heute jeder wissenschaftliche Beleg für diese Theorie.

Verschiedene Untersuchungen zeigen aber, dass es sehr individuell ist, welche Gewohnheitsveränderungen bei unterschiedlichen Menschen wie lange dauern; das reicht von „wenigen Tagen“ bis hin zu „mehreren Jahren“.

Woher kommt dieser sich offensichtlich selbst verbreitende Unsinn ?

„Gier frisst Hirn“ (diese Weisheit stimmt) und so ist es aus verkäuferischer Sicht natürlich einfacher, auf tief liegenden Wünschen von Menschen mit einfachen Versprechen zu antworten – sie verkaufen sich einfach besser, als wirkungsvolle, aber komplexe Vorgehensweisen.

Da viele Coaches, Heilpraktiker:innen etc. nur über ein im Vergleich zu echten Wissenschaftlern eingeschränktem Methoden- und Fachwissen verfügen, aber unter erheblichem Verkaufsdruck stehen, weil es einfach sehr viele von ihnen gibt, greifen sie wohl gerne mal auf solche „Pauschalrezepte“ zurück und posten sie in die (Social-Media)-Welt.

Bei vielen dieser „Kalendersprüche-Hypes“ scheint es sich dabei um gruppendynamisches Nachplappern zu handeln, das wenig substanziell ist.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn es nicht Kunden schaden würde…

Grundsätzlich könnte es einem ja egal sein, wenn im Serienmodus fragwürdige und teilweise nicht funktionierende Rezepte rausgehauen werden. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn es keinen Schaden anrichtete.

Das aber tut es – und teilweise massiv !

Im Beispiel der anfangs aufgeführten „21-Tage-Regel“, die eindeutig so nicht richtig ist, kann es dazu führen, dass Menschen sich auf den Weg machen und sich niemals der gewünschte Erfolg bei ihnen einstellt – nicht mal annähernd !

Das widerrum kann dazu führen, dass diese Menschen sich als Versager:innen fühlen. „…acheinbar klappt das doch bei allen…“ – nur eben nicht bei ihnen selbst !

Ich möchte mir die schlimmsten Konsequenzen für ohnehin schon angeschlagene Gemüter in diesem Fall gar nicht vorstellen…

Dabei liegt es gar nicht an ihnen, dass es nicht klappt, sondern daran, dass das Rezept falsch ist !

Bleibe skeptisch gegenüber wohl klingenden Kalendersprüchen und einfachen Rezepten für komplexe Probleme

Eine der wenigen einfachen Weisheiten, zu denen ich selbst stehen kann ist die, dass einfache Rezepte selten für komplexe Probleme und Fragestellungen geeignet sind. Dies gilt insbesondere, wenn es um die Psyche von Menschen und das Verhalten sozialer Systeme geht.

Nur, weil es sich „gut liest und anhört“ und Du impulsiv mit dem Kopf nickst oder es Deinen intimsten Wunsch erfüllen könnte…. muss es nicht richtig sein.

Ich finde, es lohnt sich immer nachzuhaken und sich z.B. diese Fragen zu stellen und zu beantworten:

  • Werden der Aussagen Beweise mitgeliefert – gerne auch wissenschaftlicher Art ?
  • Hat das einfache Rezept bereits nachweislich bei vielen Menschen funktioniert ?
  • Haben diese Menschen eine mit meiner eigenen Situation eine vergleichbare Situation (in Leben und Beruf) ?
  • Kann das Rezept „weltweit“ oder „universell“ funktionieren ?
  • Sind Dir alle Rahmenbedingungen fürs Funktionieren bekannt ?
  • Hast Du da überhaupt Bock drauf ?
  • u.s.w. u.s.w.

„Hinterfrage alles !“ – „Warum ?“

Menschen, die mich besser kennen wissen, dass dieses Bonmot eines meiner liebsten und zugleich eine grundsätzliche Lebenshaltung von mir ist.

Als tendenziell skeptischer Mensch hinterfrage ich grundsätzlich erst einmal alles. Besonders hellhörig werde ich bei „Hypes“ und bei „einfachen Rezepten für komplexe Fragestellungen.“

Das bedeutet nicht, dass ich nicht in der Lage wäre zu akzeptieren, dass zufällig jemand auf ein funktionierendes Konzept gestoßen ist, auf das die gesamte Menschheitsgeschichte vor ihm noch niemand kam, aber ich erlaube mir vorher eine gründliche Abwägung.

Statistisch gesehen ist es wohl zunächst einmal unwahrscheinlich, dass in 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte vorher noch niemand auf „diese einfache Idee“ kam, oder ?

Sapere Aude !

Im Dezember 1783 prägte Immanuel Kant seine berühmte Aufforderung, den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Mein Rat für mehr Erfolg im Leben und im Beruf ist, genau das auch heute noch zu tun und weniger auf „Kalendersprüche“ hereinzufallen und stattdessen vielmehr „Substanzielles“ zu versuchen – auch, wenn es komplizierter und unbequemer ist.

Immanuel Kant schrieb dazu:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursachen derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Sapere, aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Weitere Weisheiten, die bei näherem Hinsehen schwachsinnig sind

  • „Du kannst alles schaffen, Du musst es nur wollen“
  • „Ohne Social Media / Social Selling kannst Du als Selbstständie(r) heute nicht mehr erfolgreich sein“
  • „SEO ist ganz einfach…“
  • „Wenn Du erfolgreich sein willst, musst Du mehr als 100% geben….“
  • „Das Schicksal wird es für Dich richten – sei geduldig…“

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